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QI GONG - DIE KRAFT DES ATEMS
Kehre zurÜck zur Quelle und finde die Stille.
Das ist der Weg der Natur.
(Laotse - Tao Te King)
Einführung
Qi Gong kann jeder Mensch erlernen, gleich welchen Alters.
Qi Gong wird im Liegen, Sitzen oder Stehen ausgeführt. Qi Gong
dient der Vorbeugung von Krankheiten, der Verlängerung des Atems,
der Entspannung und der Klärung des Geistes.
Bei kranken Menschen wird Qi Gong als Heilmethode angewandt.
Regelmäßige Übungen stärken das Qi, fördern
die Gesundheit bzw. Gesundwerdung, schaffen ein gutes Allgemeinbefinden
und wirken sich
positiv auf den Geist und das Nervensystem aus.
Fast jede Krankheit kann durch Qi Gong geheilt oder zumindest gelindert
werden.
Eine Übersetzung des chinesischen Wortes "Chi" ist Luft,
Dampf oder Atem.
Chi kann aber auch mit Lebensenergie, Lebenskraft, Ursprungskraft, Lebensessenz,
Wolken oder rhythmischer Vitalität übersetzt werden.
Die chinesischen Weisen glaubten, dass Chi die Grundlage allen Wachstums
und aller Entwicklung sei. Im Buch der Leiden aus der Zhou Dynastie
(1122 - 255 v. Chr.) wird gesagt, dass "Leben entsteht, wenn Chi
vorhanden ist;
sich Formen bilden, wenn Chi sich entfaltet und Wachstum beginnt,
wenn sich Chi bewegt".
Im chinesischen Volksmund sagt man, dass ein Mensch gesund ist, wenn
er ausreichend mit Chi versorgt ist. Mangelt es ihm an Chi,
wird er kränkelnd und negativ in seiner Ausstrahlung.
Wenn kein Chi, keine Lebenskraft, mehr vorhanden ist, stirbt er.
Das Geheimnis ist, weder zu wenig noch zu viel Lebensenergie zu haben,
um einen ausgewogenen Gesundheitszustand zu erhalten.
Chi Kung ist eine chinesische, bewegungsorientierte, meditative Übung
oder Methode, um das Chi zu aktivieren und es zum Fliessen zu bringen.
Es besteht aus weich-fließenden Bewegungen, die durch Atmung,
Körperentspannung und Meditation unterstützt werden.
Chi Kung ist ein systematisches Training der psycho-physiologischen
Selbststeuerung.
UNTERSCHIEDLICHE SCHULEN
Ursprünglich gab es in China fünf unterschiedliche
Schulen, in denen Chi Kung gelehrt und praktiziert wurde: die daoistische,
buddhistische, konfuzianische, medizinische und die Kampfsportschule.
Alle verfolgten dasselbe Ziel: die geistige, seelische und körperliche
Verfassung gesund zu erhalten. Doch während sich die ersten zwei
Schulen auf die innere Stärkung von Geist und Seele konzentrierten,
legten die Konfuzianer
großen Wert auf die Stärkung der Selbstkontrolle, Aufrichtigkeit,
kultivierten Charakter und Moral.
Das Hauptanliegen der medizinischen Schule war die Heilung von Krankheiten,
und die Kampfsport-Schule förderte die Entwicklung
von Körper- und Widerstandskraft.
Heute sind die Grenzen der verschiedenen Schulen und Übungen fließender.
Besonders im Westen wird oft mehreren Neigungen mit
einer Chi Kung-Form entsprochen.
Chi Kung als elementare Grundübung und wirkungsvolle Methode zur
Stärkung körperlicher und innerer Kraft, Selbstheilung und
Erhaltung der Gesundheit, wurde besonders in buddhistischen und daoistischen
Klöstern praktiziert.
Mit Hilfe der Chi-Erkenntnisse suchten die Mönche nach Perfektion,
Erlösung und Unsterblichkeit. Im Laufe der Zeit entwickelten sie
diverse
Selbstverteidigungemethoden daraus, wie Gongfu ( Kung-Fu),
Tai Chi Quan oder Ba Gua Chang. Die Selbstverteidigung
wurde für sie zum Teil der Überlebenskunst.
Im Laufe der Jahrhunderte entstanden mehr als 3600 Chi Gung Schulen,
von denen die meisten heute nicht mehr existieren. Im jetzigen China
werden etwa
100 Chi Gung-Formen (mit insgesammt über 3000 Übungen!) praktiziert.
Durch die politischen Unruhen des 20. Jahrhunderts wurde Chi Gung verdrängt,
vergessen und sogar verboten. Bis 1949 gewann die westliche Medizin
immer mehr an Bedeutung und ließ die traditionellen chinesischen
Heilmethoden fast ins Unterbewusstsein weggleiten.
Die Guo Mingdan-Regierung unter Jiang Jie Shi (Chiang Kai-shek) verbot
die chin. Medizin mit der Begründung, dass sie ein Werkzeug des
Aberglaubens sei.
Erst nach Mao Zedongs Aufruf, auf der Ersten Nationalen Gesundheitskonferenz
1950, die Erkenntnissse der westlichen und chinesischen Medizin zu verbinden,
um so den Massen besser dienen zu können, besserte sich die Situation.
Chi Kung wurde jedoch nur noch als Vorsorge fŸr Krankheiten und
zur Gesunderhaltung empfohlen.
Während der Kulturrevolution von 1966 - 1976 wagte keiner mehr
Chi Kung Formen zu üben, da sie als anti-revolutionär galten.
Sämtliche Krankenhäuser wurden in den ersten Jahren der Revolution
(bis 1971) geschlossen und nach der Wiedereröffnung nur von Ärzten
geführt,
die ideologisch linientreu waren.
Erst 1978 begann sich die Chi Kung-Bewegung langsam wieder zu regen.
Einige überlebende Chi Kung-Meister tauchten
aus der Versenkung wieder auf.
In Shanghai und Beijing wurden Chi Kung-Forschungsstätten errichtet.
Die Beliebtheit der Ÿber 3000 Jahre alten Übungen nahm in unerhörtem
Maße zu.
Abgesehen von staatlich geführten Chi Kung-Instituten und -Forschungszentren,
entstanden in den letzten 10 Jahren unzählige Gruppen, die von
Laien geleitet werden. Die meisten dieser Laien kommen über eine
durchlebte Krankheit zu Chi Kung und geben nach ihrer Heilung ihre Erfahrungen
an andere weiter.
In der heutigen Volksrepublik China praktizieren täglich viele
Millionen Menschen die unterschiedlichsten Formen von Chi Kung.
Auch in Deutschland ist ein starker Anstieg des Chi Kung-Angebotes in
den letzten
fünf Jahren zu verzeichnen.
ATMUNG
Die Aus- und Einatmung des Menschen ist eine physiologische
und biologische Notwendigkeit. Diese geschieht auf dem Weg über
die Lungen- und Gewebsatmung.
Die Lungenatmung hat die Aufgabe, den in den Geweben aufgenommenen
Sauerstoff des Blutes zu ersetzen und die gebildete Kohlensäure
abzugeben;
sie dient dem Gasaustausch.
Sie bildet Ende und Anfang eines Kreisprozesses zwischen Lungenatmung
(äußerer Atmung) einerseits und Gewebeatmung (innere Atmung)
andererseits,
wobei der Blutkreislauf als Mittler fungiert.
Eine tiefe Bauchatmung erhöht die Abgabe freier Radikale (CO2)
und hält dadurch das Blut "sauberer".
In rhythmischer Folge wechseln Einatmung (Inspiration) und Ausatmung
(Expiration) miteinander ab, wobei durch die Vergrößerung
des Thoraxinnenraumes während
der (normalen) Inspiration Außenluft in die Lungen einströmt,
wodurch der
Sauerstoff-Druck erhöht und der Kohlendioxid-Druck erniedrigt wird
und
wobei durch die anschließende Verkleinerung des Brustkorbes ein
Teil der in der Lunge befindlichen Luft nach außen befördert
wird.
Auf diese Weise wird die Voraussetzung für den
entscheidenen Vorgang, den Gasaustausch, gegeben.
Kann ein Mensch seine Atmung beruhigen, dann erfolgt auch eine Beruhigung
des Denkens. Diese Harmonisierung wirkt sich dann später auch auf
die Tätigkeit des Gesamtorganismus aus.
Von dieser Erfahrung kann man sich jederzeit überzeugen:
Friedvolle Menschen atmen ruhiger als streitsüchtige, aggressive
oder hektische.
Aus solchen Beobachtungen haben die alten Chinesen den Schluss gezogen,
dass das Gleichgewicht des Gesamtorganismus mit einer ruhigen, tiefen
und regelmäßigen Atmung in Beziehung steht, und dass der
Erfolg einer entsprechenden Atemregulierung dem gesunden Zustand gleichkommt,
also der ungestörten Zirkulation der Energie.
DREI ÜBUNGSBEREICHE
Die modernen chinesischen Bücher über Atemtherapie
unterscheiden drei verschiedene, jedoch eng miteinander zusammenhängende
Übungsbereiche:
(1) Nei-yang-kung, das sind die inneren erhaltenden
Übungen
(2) Ch`iang-chuang-kung, das sind innere Stärkungsübungen
und
(3) Pao-chien-kung, das sind die äu§eren Kräftigungsübungen,
wörtlich übersetzt: die Gesundheit schützenden Übungen.
Einige Werke fassen die ersten beiden Übungsbereiche
zu einem Gebiet zusammen und benennen es Ching-kung (stille Arbeit).
Sie unterscheiden sich von dem letzten als Tung-kung (Bewegungsarbeit).
(1)
Innere erhaltende Übungen werden so ausgeführt, dass die/der
Übende in sitzender Haltung, in Rücken- oder in Seitenlage
sich völlig entspannt und die Atemübungen durchführt.
Oft wird hierbei an ein Wort, z.B. "Ruhe" in Verbindung mit
einem Atemrhythmus gedacht. Wenn dann die körperliche und psychische
Verfassung vollkommen zur Ruhe gekommen ist, hört man mit der aktiven
Übung auf und verweilt noch in dem gelockerten Zustand.
(2)
Die inneren Stärkungsübungen werden auch in sitzender oder
liegender Haltung ausgeführt. Hier sind meistens zwei Sitzhaltungen
gebräuchlich:
Bei der einen wird eine Fußsohle auf den gegenüberliegenden
Schenkel aufgelegt (Siddhasana) und bei der anderen liegen beide Fußrücken
auf den Schenkeln (Padmasana). Bei diesen Übungen werden andere
Atemübungen verwendet als bei den inneren erhaltenden Übungen,
nämlich die stille Atmung, die tiefe Atmung und die gegensätzliche
Atmung.
Während dieser Atemformen genügt es, die Aufmerksamkeit auf
einen Körperpunkt ruhen zu lassen ohne an einen besonderen Gegenstand
oder an ein Wort zu denken. Wahrscheinlich sind die inneren Stärkungsübungen
älteren Ursprungs,
weil in alten medizinischen Schriften und auch unter den taoistischen
und buddhistischen Methoden immer diese bevorzugt zu finden sind.
(3)
Die äußeren Kräftigungsübungen bestehen aus langsamen
Bewegungsfolgen, die mit natürlichen und ruhigen Atemzügen
ausgeführt werden. Diese drei Übungsbereiche werden mit dem
Sammelbegriff Chi Gung bezeichnet, der mit "Atemtherapie, Atemgymnastik"
übersetzt werden kann.
ATMUNG UND KÖRPERHALTUNG
Bei den Übungen wird, sofern nicht anders angeordnet,
die Bauchatmung praktiziert. Sammelpunkt der Energie stellt der Dantien-Bereich
dar, der unterhalb des Bauchnabels liegt. Dantien, das Sammelbecken
von Chi, heißt übersetzt Zinnoberfeld (eine Quecksilber-Verbindung,
mit der die alten Weisen Unsterblichkeit in Verbindung brachten). Die
Bauchatmung wird folgendermaßen praktiziert:
Mit der Einatmung (unter leichter Bauchmuskelspannung)
wölbt
sich die Bauchdecke nach vorne, mit der Ausatmung geht sie wieder in
ihre Ausgangslage zurück.
Die Übungen werden im Fluss des Atems durchgeführt.
Eine geistige Vorbereitung auf die Übungen ist notwendig.
Man sollte ungestört an einem angenehmen Ort üben können
und sich aller lästigen Gedanken entledigen.
Die Übungen im Liegen sollten auf einer warmen, festen, aber nicht
zu harten Unterlage erfolgen.
In der Rückenlage, Kopf auf einem Kissen, die Arme neben dem Körper,
die Beine sind locker ausgestreckt.
Bei der Seitenlage wird ein flacheres Kissen verwendet. Der untere Arm
ist etwas vorgeschoben. der Unterarm leicht abgewinkelt, etwa 20 Zentimeter
vor dem Kopf mit nach oben gerichteter Handfläche.
Der andere Arm liegt bequem auf dem Oberschenkel.
Es ist am besten, das Bein, auf dem man liegt, etwas nach vorne zu schieben.
Bei der sitzenden Haltung werden die oben beschriebenen Sitzhaltungen
empfohlen. Wem diese zu unbequem sind, kann auch im Schneidersitz sitzen
oder auf einem Stuhl. Es wird am besten ein Stuhl ohne Lehne verwendet.
Die Füße sind etwa in Breite des Beckens parallel aufgestellt,
Ober- und Unterschenkel sollten in einem stumpfen Winkel zueinander
stehen.
Wenn ein Knie zu hoch oder zu niedrig ist, ist eine Entspannung nicht
gut möglich.
Durch leichtes Beugen des Körpers sucht man sich die ruhigste und
angenehmste Körperstellung aus, in der die Wirbelsäule gerade
ist. Der Hinterkopf wird v leicht angehoben und steht auf den Halswirbeln
(Kopf zurück). Die Arme und Hände liegen locker auf den Oberschenkeln.
Bei den Übungen, die im Stehen durchgeführt werden, sind Knie-
und Ellbogengelenke leicht gebeugt.
Zwei innere erhaltende Übungen
1. Die Übung kann im Liegen und Sitzen erfolgen.
Die Ein- und Ausatumg erfolgt durch die Nase. Bei der Einatmung berührt
die Zungenspitze den Gaumen des Oberkiefers. Vor der Ausatmung ist eine
Atempause. Die Einatmung, Atempause und Ausatmung bilden zusammen eine
Periode. Während dieser Periode denkt man auf jeder dieser drei
Stufen an ein bestimmtes einsilbiges Wort, z.B.: Entspannung (Sung),
Stillwerden (Ching), locker (Fank).
2. Die Ein- und Ausatmung erfolgt durch die Nase.
Die/der Übende nimmt das Ein- und Ausströmen der Luft an der
Nasenspitze ruhig wahr und denkt bei allen Perioden an das Wort Ching
(Ruhe). Die innere Bedeutung beruht darauf, dass durch die Ein- und
Ausatmung sich von Natur aus diese Ruhe einstellt.
Diese Übung wird "geordnetes Ausruhen" oder "reguliertes
Atmen" genannt.
Eine innere Stärkungsübung
Diese Übung wird im Sitzen praktiziert. Die Methode
: Es muss ganz natürlich und glatt durch die Nase aus- und eingeatmet
werden, wobei darauf zu achten ist, dass die Zeit der Ausatmphase ein
wenig länger ist als die Einatemphase.
Dadurch soll die Atmung ruhig, langsam, tief und ohne
besondere Kraftanstrengung vor sich gehen.
Die Zunge bleibt zum Gaumen angehoben und soll während der Übung
ihre Lage nicht verändern. (Elsterbrücke). Diese Methode wird
auch als alltägliche Methode bezeichnet, wegen ihrer kräftigenden
Eigenschaft.
Äussere Kräftigungsübungen
Hier gibt es eine große Vielfalt an Übungen,
die im Sitzen, Stehen oder Gehen durchgeführt werden. Dazu gehören
zum Beispiel die acht edlen Brokatübungen.
Sie werden in China seit mehr als 800 Jahren praktiziert.
Sie werden im Stehen praktiziert und sind teilweise vergleichbar mit
gymnastischen Übungen, die wir aus westlichen Zusammenhängen
kennen.
Der traditionell überlieferte Name jeder dieser Übungen umschreibt
sowohl die Art der Bewegung als auch ihre Wirkung. Hier einige dieser
Namen:
- beide Hände gen Himmel heben und dadurch die inneren Organe stabilisieren,
- die fünf Leiden und sieben Beschwerden heilen,
indem man mit ernster Miene den Kopf nach hinten wendet,
- die Lebensenergie steigern, indem man mit ernster Miene die Fäuste
ballt,
- achtmal auf den Fußspitzen stehen und sich dadurch vor Krankheiten
schützen.
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